Page 20 - Leseprobe - Vom Brot im Meer
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wieder aufkam, da es doch so viele neue Einwanderer gab
          und fast jeder aus einem anderen Land kam. Nach dieser
          Frage war der nette Ungar scheinbar völlig verwandelt;
          er schien nervös und unruhig zu werden, als wäre er von
          irgendeinem inneren Tumult ergriffen worden. Am Ende
          sah er meinen Vater an und rollte den linken Ärmel seines
          Hemdes auf. Wir konnten eine Tätowierung von dunklen,
          hässlichen Ziffern auf seinem Unterarm sehen.
            „Mein Herr“, sagte er, „meine Familie und ich wa-
          ren in Auschwitz. Bitte schauen Sie diese Nummer an.
          Dort im Lager hatten wir keinen Namen, wir waren nur
          Nummern. Sehen Sie, die Tätowierung ist so tief ein-
          geritzt, dass sie niemand mehr auslöschen kann. Jeder
          in Auschwitz war nur eine Nummer und kein Mensch
          mehr. Wenn Sie wollen, können Sie mich, so wie man es
          dort tat, als Nummer anreden.“ Und nun sagte er uns
          die Nummer, die er auf seinem Arm hatte. Er konnte sie
          auswendig und brauchte nicht hinzusehen.
            Mein Vater und wir alle, die gebannt zugehört hatten,
          waren  von  seinem  Gefühlsausbruch  tief  berührt, ver-
          suchten ruhig zu bleiben, um ihm nicht zu zeigen, wie be-
          troffen wir waren. Vater sprach in ruhigem Ton mit dem
          Mann, aber ich konnte sehen, dass sein Interesse geweckt
          worden war. „Mein Lieber“, sagte er auf Ungarisch, „ich
          wollte ja nur Ihren Namen wissen; bitte, sagen Sie uns,
          wie Sie heißen.“
            Der Ungar betrachtete meinen Vater mit einem starren
          Blick und nickte. „Ja“, sagte er, „warum denn nicht? Ich
          habe ja einen Namen und hatte auch einen Beruf. Sie haben
          ja schon gesehen, dass ich kein Glaser bin. Ich hoffte nur,
          dass ich den Auftrag für diese Arbeit bekomme, da meine
          Frau und ich nichts haben, und wir das Geld brauchen.“
            Er sah uns an: „Ich studierte an der Budapester Uni-
          versität Kunstgeschichte und danach hatte ich ein Ge-
          schäft für Antiquitäten von dem meine Familie gut leben
          konnte. Plötzlich aber, im Jahr 1942, war unser Leben,
          das wir so liebten, zu Ende. Ich wurde mit meiner Frau
          und unseren kleinen Zwillingstöchtern verhaftet, und die
          ganze Familie nach Auschwitz verschickt.“


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