Peter Wawerzinek über ‚Vom Brot im Meer‘

Nein, diese Hundertjährige steigt nicht aus dem Fenster und verschwindet wie bei Jonas Jonasson. Diese Hundertjährige schreibt ihr erstes Buch und nimmt ihre Leser nicht nur bei den Händen, sondern schreitet uns voran auf ihrem Lebensweg. Und legt dabei ein so umwerfendes frisches Debüt hin, dass man lesend jubelt.
So inhaltsschwer wie inhaltsschön und ganz ohne jede Übertreibung oder Propaganda. So bündig und kurz wie gnadenlos gerecht und hart es nur geht, werden hier Fakten zum Jahrhundert europäischer Ausgrenzung, Verfolgung, Auslöschung, Vertreibung, Krieg und Völkermord aus eigenem Erleben beschrieben.
Und das so angriffslustig wie verhalten es sich im Ton für eine ewig junggebliebene neue Autorin gehört, die im ruhigen und dadurch erst so richtig anklagenden Erzählton zu uns spricht, uns anrührt und wütend sein lässt.
Sich treu und der simplen Wahrheit verpflichtet, die da heißt: So und nicht anders erging es mir, schreibt sie dabei so weise wie ergreifend poetisch, so lebenserfahren kraftvoll, dass es ganz und gar einmalig in der Literatur ist. Und ist dabei auch immer einmal wieder das Quäntchen nachsichtig und milde gestimmt wie es nur diese Hundertjährige sein darf.

 

Peter Wawerzinek, Träger des Ingeborg-Bachmann-Preises

Lyreley – Literarisches Österreich

Rezension von Elfriede Bruckmeier
Literarisches Österreich (2016/1)

Liebeslyrik in unserer poesiefernen Zeit, geht denn das? Ja, es geht!
Eine Reihe selbstständiger, starker Frauen hat es vorgemacht, unter ihnen Dagmar Fischer.
Heute sind es „Beziehungen“, man nennt auch die Tätigkeit bei ihrem „Vogel“ – Namen, aber die Sehnsüchte, Glücksgefühle, Verletzungen, Treuebrüche und der Trennungsschmerz sind noch genauso Themen wie zu Zeiten der Droste.
Dagmar Fischer, auch Lyreley genannt, hat ein großes Plus: sie liest ihre Gedichte selbst und das wunderbar, mit einem Gespür für das richtige Timing.
Es ist nicht zwingend, dass die lesende Lyrikerin gut aussehen muss, aber auch das hilft! In Performances und musikalischen Lesungen gelingt es ihr, die Gedichte den Zuhörern gleichsam „einzuschreiben“, man schätzt die kunstvollen Formulierungen und möchte gerne zu Hause nachlesen.
Und so kam es, dass 4 ihrer 5 bisher veröffentlichten Lyrikbände bald vergriffen waren. Nun hat sie einen Auswahlband aus 25 Jahren vorgelegt. Es sind empfindsame lyrische Gebilde, die in diesem Band versammelt sind.
Doch viele haben „einen Sprung in der Schüssel“, so dass aus dem Schönklang unversehens ein dumpfer Ton entsteht, der die Himmelstürmer durch eine unvermutet einsetzende kunstlose Alltagssprache auf die Erde zurückholt.
Besonders berührend das Gedicht „Nach dem Besuch von Auschwitz oder jeden Morgen beim Bürsten meiner Haare“. Es geht um Berge von Haaren, Schuhen und Koffern und erst die Lakonie der letzte Zeile „Dann putze ich mir die Zähne“ macht das Grauen vollständig.

Dagmar Fischer, Jahrgang 1969, hat Jus studiert und Sport, und sie hat im universitären Bereich und als AHS Lehrerin gearbeitet. Das bedeutet: sie hat Lebenserfahrung.
Dem Thema Liebe gleichwertig zur Seite gestellt ist das Thema Politik, nicht als Tagespolitik zu verstehen, sondern als Sorge um die Gemeinschaft, um die Schwächeren, die auf der Strecke bleiben, um Widersprüche und Grausamkeiten in der Rechtsprechung und bei der Polizei.
Ein kleiner Appetithappen, willkürlich herausgegriffen aus dem schönen Gedichtband:

Szenario

Wenn die Welt untergeht
mit wem würdest du dann
sterben wollen?

Mit dir natürlich
deine Hand haltend

Ich bin gerührt

Und warum
frage ich
willst du dann nicht
mit mir leben?

Zum Stil ist zu sagen: sie findet originelle Worte wie „volltontrunken“, Formulierungen wie Abschied geben und nehmen.
Dass sie keine Angst vor dem Reim hat, gefällt mir. Ihre Gedichte kann man sich leicht merken, man könnte sie singen. Daher ist es ganz natürlich, dass sie mit Musikern zusammenarbeitet.

Elfriede Bruckmeier

Rezension Armin Baumgartner – Rudolf Kraus

Tausend Tode könnt’ ich sterben – übersetzt man den Titel ins Englische, „I Could Die A Thousand Times“, könnte dies wohl auch eine Liedzeile aus einem grantigen Bluessongs sein, in dem der Sänger seine Sehnsucht nach seiner durch Eigenverschulden verlorenen Liebe oder nach der Wiedergutmachung eines eigens begangenen Unrechts in die Welt hinausheult. „Lost Woman Blues“ von Motörhead wäre wohl ein geeigneter Kandidat, um die Atmosphäre musikalisch zu verbildlichen …

Armin Baumgartner, Literaturhaus Wien

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Rezension Helmuth Schönauer – Rudolf Kraus

GEGENWARTSLITERATUR 2318

tausend tode könnt' ich sterben

Sprachminiaturen sind treffsichere abgerundete Fügungen, die sich wie Gebilde mit Widerhaken auf dem Filz des Alltags festsetzen.

Rudolf Kraus setzt mit dieser feinen additiven Methode, wo überraschende Wendungen wie Magnetsteine auf die Fläche gesetzt werden, durchaus großen Themen zu wie dem Tod. Nicht nur das nicht Voraussehbare, „wie wird denn wohl mein Tod ausschauen?“, spielt eine Rolle, sondern manche Ereignisse spitzen sich schon zu Lebzeiten so dramatisch zu, dass ihnen der Tod den Deckel drauf setzen muss. So kümmern sich die Sprachminiaturen nicht nur um die Ars moriendi, die Kunst des Sterbens, sondern mindestens so heftig um die Ars vivendi, die Kunst des Lebens.

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Rezension Heinrich Steinfest – Rudolf Kraus

Rudolf Kraus ist der Captain Kirk unter den Lyrikern: heldisch, stolz, nicht ohne Pathos, hin und wieder den Zeigefinger hebend, gleichwohl auch souverän, von Beginn an melancholisch, zusehends witzig. Und immer meint man, eine ungeweinte Träne zu spüren.
Fazit: nicht vulkanisch, sondern menschlich.

Heinrich Steinfest (Schriftsteller, Stuttgart, Deutscher Krimipreisträger 2004)

Rezension Georg Pichler – Rudolf Kraus

ein ende ist nicht abzusehen
Verdammt gute Papierschiffchen gegen die unabänderlich ratternden Prosapanzer …

Georg Pichler,  www.buecherschau.at

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